Bei der Hestia Traumberuf gelernt
Stralsund – Manchmal will sie jemanden anfassen. Einfach so. Oder jemand
schreit plötzlich, lacht los oder verkriecht sich in sich selbst. Die
Menschen, die Kathrin Colla in ihrer Arbeit umgeben, sind behindert.
Größtenteils mehrfach behindert. Sie sind ganz besondere Frauen und
Männer, benötigen spezielle Pflege und Betreuung.
Genau dazu fühlt sich Kathrin Colla berufen. Nicht für eine Ausbildung
im Büro, im Handel und Handwerk. Die 22-jährige lernt in der Hestia
Pflege- und Heimeinrichtung GmbH den Beruf der Altenpflegerin. „Meine
Mama ist auch Altenpflegerin“, berichtet die junge Frau, die im Jahr
2004 aus dem Sauerland nach Stralsund zog – vor allem der Liebe wegen.
Als junges Mädchen hatte sie ihre Mutter oft zu deren Arbeitstelle in
einer Tagesstätte begleitet und für sich beschlossen: Das will ich auch
machen! Bei der Hestia ist sie eine von insgesamt sechs Altenpflege-Azubis.
In den Pflegewohnheimen „Dat Inselhus“ und „Haus am Wald“ in Viermorgen
sind jeweils drei Auszubildende beschäftigt – verteilt auf die drei
Lehrjahre.
Für Kathrin Colla stehen nun, im dritten Lehrjahr, die Prüfungen an.
Sie hat die Option, übernommen zu werden – und möchte nur zu gerne hier
bleiben. Auch wenn junge Leute bei der Hestia „Altenpfleger“ werden
– im Vergleich zum eigentlichen Berufsbild gibt es in den speziellen
Häusern einige Unterschiede. „In der Theorie“ erklärt Geschäftsführer
Hans-Christian Offermann, „lernen alle das Gleiche“. „Aber in der Altenpflege
haben die Menschen andere Einschränkungen.“
Die Menschen mit Behinderungen sind dagegen aktiver, sie sind zumeist
jünger. Sie möchten bei Reisen zur Disko gehen, sie sind neugierig auf
das Leben, suchen Beschäftigungen. Und im nächsten Moment sind vielleicht
ganz viel Trost und einmal Drücken gefragt. Es ist auch die Sensibilität
der Behinderten, die Kathrin Colla imponiert. Wenn es ihr einmal nicht
gut geht, wird das gleich bemerkt – da kann sie sich noch so sehr anstrengen,
das zu verbergen. „Kathrin geht es nicht so gut“, heißt es dann. Oder.
„Bist du krank?“ Was Azubis, die bei der Hestia Altenpfleger werden
wollen, mitbringen müssen, das sind unter anderem Aufgeschlossenheit
und gesundes Selbstbewusstsein, sagt Geschäftsführer Offermann. „Das
Selbstbewusstsein ist wichtig, um eigene Ideen im Team umzusetzen.“
Bewerben können sich junge Leute mit der mittleren Reife und „guten
schulischen Leistungen“.
In diesem Monat beginnen die Bewerbungsgespräche. Gerne aber können
sich schnelle junge Leute noch bei der Hestia bewerben. Zur Berufschule
fahren die künftigen Altenpfleger nach Teterow. Dort gibt es zwar die
Möglichkeit der Übernachtung – Kathrin Colla jedoch zog es vor, abends
immer nach Stralsund zu fahren. Das Verhältnis Theorie und Praxis betrage
etwa 50:50, sagt sie. Doch auch neben ihrer Arbeit im „Inselhus“ mit
seinen teils schwerstmehrfach Behinderten lernt sie dazu – freiwillig.
Sie informiert sich über die Behinderungen der Frauen und Männer, liest,
welche Einschränkungen es gibt. Dass es für Menschen mit Down-Syndrom
etwa bezeichnend ist, Herzkrankheiten zu haben, erfährt sie. Ob da auch
steht, dass die behinderten Bewohner auch mal gedrückt werden sollten?
Kathrin Colla jedenfalls macht es. „Das ist hier halt ihr Zuhause“,
sagt sie dazu.
Doreen Breitenfeldt
Quelle: Stralsunder Anzeiger vom 07. Mai 2008
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